
Offener Brief
Brief an die Mitglieder des Stadtrates von Bürgerinnen und Bürgern der Stadt Leipzig
Sehr geehrte Mitglieder des Stadtrates,
am 7. Juni haben die Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt Sie in den neuen Stadtrat gewählt. Wir gratulieren Ihnen zu dieser Wahl.
Sie werden die Geschicke der Stadt in schwierigen Zeiten in Ihre Hände nehmen. In Sorge um die Entwicklung, die Leipzig in der jüngeren Vergangenheit genommen hat, wenden wir, die Unterzeichner dieses Briefes, uns heute an Sie.
Wo stehen wir, wo steht Leipzig heute?
Leipzig hatte nach der Wende einen Spitzenplatz im Wettbewerb der Standorte inne. Die Stadt war selbstbewusst, attraktiv und anziehend für ihre Einwohner und Zuwanderungswillige, Investoren und Medien.
Davon ist viel verloren gegangen.
Leipzig fällt im Wettbewerb zurück. Die Stadt wird immer mehr in Zusammenhang mit Pannen und Problemen, immer weniger mit Erfolg, Solidität und Attraktivität gebracht. Marketing, Verkaufsrhetorik und das Beschwören der vormals errungenen Erfolge überdecken längst nicht mehr schwindende Substanz und Perspektive, Vertrauensverlust der Stadt und nachlassende Dynamik der Stadtentwicklung.
Leistungsträger wenden sich ab.
Die politische Kultur in der Stadt hat ein beklagenswertes Niveau erreicht.
Um dieser fatalen Entwicklung entgegen zu wirken ist eine gründliche und schonungslose Analyse des derzeitigen Status der Lage der Stadt erforderlich. Auf dieser Grundlage müssen realistische, ehrgeizige und nachvollziehbare Ziele formuliert werden.
Gemeinwohl vor Parteiinteresse
Leipzig ist eine stolze und weltoffene Stadt. Ehrgeiz, Fleiß und Beharrlichkeit sind Vorzüge, die unsere Stadt immer auszeichneten.
Viel ist in den letzten Jahren seit der Wende erreicht worden. Es ist damals gelungen, an die Traditionen der Bürgerstadt Leipzig anzuknüpfen und eine eigene, überregional wahrnehmbare politische Kultur zu schaffen.
Das ist nicht mehr so.
Diese politische Kultur wurde ohne Not und Zwang ersetzt durch Parteiengezänk, Geschacher um Posten und Personen. Dass man in Leipzig sofort nach der Wahl – statt über Sachfragen – darüber berät, wer denn in Zukunft mit wem oder auch gegen wen und um welchen Preis Politik machen könne, ist nicht Teil der Lösung, sondern ein wesentlicher Teil des Problems.
Dabei ist aus dem Blickfeld geraten, dass Leipzig trotz des Erreichten in vielen Bereichen noch immer Nachholbedarf hat. Dieser kann nur verringert werden, wenn wir uns wieder anspruchsvolle und vor allem gemeinsame Ziele stellen.
Andere Standorte schlafen nicht, der Ostbonus, der uns oft geholfen hat, ist nicht mehr zeitgemäß und schon lange verbraucht. Nur wenn wir auf die Überholspur zurückfinden, fallen wir nicht zurück!
Konsequenz, Klarheit und Transparenz Nicht mit Mittelmaß abfinden
Das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger, aber auch von Wirtschaft, Kapital und Medien in das Handeln von Politik und Verwaltung ist ein Pfund, das leicht verloren gehen kann und schwer zurück zu gewinnen ist.
Wir glauben, dass in Leipzig in den letzten Jahren viel von diesem Kapital aufgezehrt wurde. Das Verfahren (nicht nur das Ergebnis!) der gescheiterten Stadtwerkeprivatisierung und der Umgang mit dem erfolgreichen Bürgerbegehren, die unerfreulichen Vorgänge um die Beigeordnetensuche und die Opernintendanz haben dem Ansehen der Stadt geschadet.
Nur durch ein konstruktives Miteinander von Rat und Verwaltung, aber auch mit allen, die Verantwortung für diese Stadt tragen und übernehmen wollen, kann dieses Kapital zurück gewonnen werden. Handwerklich „saubere“ Arbeit, Transparenz und Konsequenz in Verwaltungshandeln und Politik sind dafür Voraussetzungen.
Auch wenn es oft unbequem und anstrengend ist: finden Sie sich nicht mit mittelmäßigen Lösungen ab und fordern Sie dies auch von der Stadtverwaltung und allen, die Verantwortung für diese Stadt tragen.
Aktiv die Zukunft gestalten…
…kann nur der, der bereit ist „altes Denken und Handeln“ abzulegen, bürokratische Sichtweisen und politisches Lagerdenken zu vergessen und neuen Ideen Raum zu geben. Werden Sie aktiv, zeigen Sie Mut und Entschlossenheit und treffen Sie klare Entscheidungen.
Lassen Sie parteitaktische Spielchen beiseite und überwinden Sie persönliche Animositäten.
Leipzig war schon immer eine „Bürgerstadt“, nutzen Sie den engagierten Bürgerwillen. Wir sind dazu bereit.
Ich schließe mich den Verfassern dieses “offenen Briefes” uneingeschränkt an! Genau aus diesen Gründen, bin ich im Juni angetreten für ein Mandat in der Ratsversammlung.
Viele dieser Stadträte hatten, in der Vergangenheit, lange Zeit bürgernahe Kommunalpolitik zu machen und haben viel Zeit mit ideologischen Grabenkämpfen vertan.

Es grüßt Sie…
Ihr Markus Kowollik