Unterstützt der Staat Familien mit behinderten Kindern genug?
Mittwoch, September 30th, 2009Was für die Pluralisierung familiärer Lebensformen generell gilt, gilt auch für Familien mit behinderten Angehörigen. Das gemeinsame Schicksal, ein behindertes Kind zu haben, macht Sie noch lange nicht zu einer homogenen Gruppe – im Gegenteil, Familien mit behinderten Kindern repräsentieren die gesamte Gesellschaft mit ihren Strömungen und Problemen.
Die Herausforderung, ein behindertes Kind zu erziehen, stellt alle Familien vor besondere Aufgaben. Schon im klassischen Familienmodell, ist die Organisation des Familienlebens ein hoher logistischer Abstimmungsaufwand. Wie viel schwieriger erst gestaltet sich der Alltag bei zumindest zeitweise Alleinerziehenden? Es handelt sich hier nicht nur darum, dass weitere Probleme hinzukommen, sondern dass sich diese wechselseitig verstärken. In der Regel müssen die Interessen aller beteiligten Parteien austariert werden.
Die größte Sperre dabei sind die Ängste, Zweifel und Vorurteile im eigenen Kopf. “Hauptsache, nicht geistig behindert!” Schonungslos offenbart dieser immer wieder fallende Spruch das negative gesellschaftliche Stigma der so genannten geistigen Behinderung. Selbst innerhalb der Behindertenszene finden sich Menschen mit geistiger Behinderung nur zu oft am unteren Ende einer Klassengesellschaft. Während Eltern Körper- und sinnesbehinderter Kinder stolz sein können auf intellektuelle, sportliche oder künstlerische Leistungen ihrer Kinder, müssen Eltern geistig behinderter Kinder lernen umzudenken. Wir müssen unser bisheriges Wertesystem in Frage stellen und mit grundlegend veränderten Zukunftsperspektiven unserer Kinder fertig werden.
Viele Kinder mit Behinderungen wachsen heute erfreulicherweise mit Geschwistern auf, erleben dadurch von klein auf Normalität und Integration bereits in der Familie. Aus familienpolitischer Sicht ein unschätzbarer Wert!
Bei der Situation von Müttern behinderter Kinder ist Tendenziell zu beobachten, dass diese Mütter verstärkt ihre eigenen Rechte reklamieren. Sie sind berufstätig, bzw. wenn sie zu Hause sind, ist es in der Regel eine bewusste Entscheidung. Die in früheren Müttergenerationen häufiger anzutreffende Verbitterung, das eigene Leben dem behinderten Kind geopfert zu haben, ist seltener geworden. Diese Mütter haben gelernt, mehr auf sich selbst zu achten, und wissen, dass es der Familie nur gut gehen kann, wenn es Ihnen selbst gut geht.
Väter stehen nicht am Rand; richtig ist, dass sie die Behinderung anders verarbeiten als Frauen. In Ihren Familien teilen sie die Last mit ihren Frauen im Rahmen ihrer Möglichkeiten.
Durch die vielfältigen und von Familie zu Familie sehr unterschiedlichen Belastungen, die von Art und Schwere der Behinderung abhängen, sind Eltern jedoch häufig in einer Art Hamsterrad gefangen. Sie versuchen, den Bedürfnissen aller unserer Kinder gerecht zu werden und im Beruf zu funktionieren. Da bleibt kaum Zeit für Sie selbst, geschweige denn als Paar. Das Klischee, Ehen zerbrächen an der Behinderung des Kindes, ist falsch; vielmehr sind es die sich aus der Behinderung ergebenden Belastungen, die einen Risikofaktor für die Ehe darstellen.
Notwendigkeit familienentlastender Dienste
Auf eine genaue Darstellung von Belastungen habe ich verzichtet, da sie individuell von Familie zu Familie variieren und von vielen Faktoren abhängen, von denen Art und Schwere der Behinderung lediglich zwei Aspekte sind. Eltern legen heute Wert auf größtmögliche Normalität; dadurch werden die enormen Anpassungsleistungen im Zusammenleben mit behinderten und schwerst behinderten Menschen von Außenstehenden kaum wahrgenommen und Hilfen mitunter versagt.
Betrachten wir Familie ganzheitlich, müssen wir, um das behinderte Kind zu stützen und zu fördern, seinen Eltern ermöglichen, ihr Familienleben so zu organisieren, dass alle Beteiligten Normalität erleben können. Das heißt im Klartext: Das Normalisierungsprinzip darf nicht nur auf Menschen mit Behinderung selbst angewandt werden, sondern muss auch für seine Geschwister und Eltern gelten!
Familienentlastende bzw. Familienunterstützende Dienste müssen in die Lage versetzt werden, flexibel auf die individuellen Bedürfnisse von Familien reagieren zu können. Die Verbesserungen, die sich mit der Einführung des neuen SGB IX für Sie als Eltern ergeben haben, begrüße ich sehr, aber es fehlt leider der Leistungsanspruch auf Familienunterstützung. Der Gesetzgeber möge sich bei der Novellierung des SGB IX einen Ruck geben und die Ressourcen der Familie nachhaltig stärken!
Es grüßt Sie…
Ihr Markus Kowollik






























